An meinem letzten Abend in Kanada trinke ich mein letztes Glas kanadischen Whisky und grübele, wie ich die letzten zehn Tage so schmerzfrei wie möglich zusammen fassen kann. Schmerzfrei nicht, weil die Zeit so schlimm war, sondern weil es mir schwer fällt, meine Gedanken hier in Kanada zu halten und sie nicht immer wieder Richtung Köln driften zu lassen. Es ist wahr: Ich freue mich sehr auf zu Hause! Die neun Monate in Kanada waren in vielerlei Hinsicht wichtig für mich. Die Reise war großartig! Aber nun ist es Zeit, nach Hause zu kommen. Während ich mich von John Coltrane berieseln lasse und darauf warte, dass die Zeit bis morgen Mittag, wenn das Taxi kommt, vergeht, erzähle ich Euch, wie es dazu gekommen ist, dass wir nun doch schon eine Woche früher nach Hause fliegen und was bis zu der Entscheidung passiert ist.
Von Ottawa aus sind wir nach Gananoque gefahren, um uns von da aus die Thousand Islands im St. Lawrence River anzusehen. Auf einer drei Stunden langen „cruise“ habe ich mir nicht nur einen gewaltigen Sonnenbrand geholt, sondern auch unterhaltsame Geschichten über Flusspiraten und Whiskyschmuggler angehört. Es ist schon faszinierend, dass es tatsächlich Menschen gibt, die auf einer dieser winzigen Inseln ihr zu Hause haben. Wenigstens gibt es da keinen Streit mit dem Nachbarn über die Grundstücksgrenzen. Übrigens sind es genau 1.865 Inseln. Eine davon ist künstlich. Damit so ein Stückchen Erde als Insel anerkannt wird, müssen mindestens zwei Bäume drauf stehen. Und ja, die Salatsauce wurde tatsächlich nach diesem Gebiet benannt. Warum, weiß ich allerdings nicht.
In Gananoque hat es uns beiden gut gefallen. Ein ruhiger Ort, der außer der schönen Sicht auf den Fluss nicht viel zu bieten hat. Aber für zwei Tage ist das ein schöner Kontrast zu den Großstädten und Parks. Zum Entspannen sind wir an unserem zweiten Abend im Ort ins historische und komfortable Gananoque Inn gezogen.
Vor dem ersten Frühstück, am Tag vorher, hatte ich ein interessantes Gespräch mit George, unserem Vermieter, in dem er mir einiges über seinen Beruf und sein Leben erzählt hat. Er sagt, die meisten Bed and Breakfast-Besitzer werfen innerhalb der ersten fünf Jahre das Handtuch. Wer nicht aufgibt, stumpft ab: „Du fährst morgen ab, dann werde ich Dich nicht wieder sehen. Dafür kommen andere Gäste. So ist das eben.“ Im Winter, sagt er, ist es nicht so wild, aber Ende Oktober steht man morgens auf und motiviert sich, indem man berechnet, wie viel man in der vergangenen Nacht verdient hat. Beim Frühstück diskutiert er mit einem Stammgast über die richtige Art, Bacon in der Mikrowelle zuzubereiten: „Eine Minute pro Scheibe, dann musst Du mal nachgucken.—In manchen Packungen ist mehr Feuchtigkeit, als in anderen. Die brauchen länger.“ Dass dieser Mann im Harley-Davidson T-Shirt und Adler im Ohrloch mit solch einer Expertise über so profane Dinge spricht, ist auf nüchternen Magen morgens um halb neun mehr als bizarr.
Mit George verabschieden wir uns auch von dieser Art der Unterkunft. Auf den letzten Etappen wohnen wir in Motels. Unpersönlich, aber auch Anonymität hat ihren Reiz.
Nach den Thousand Islands wollten wir eigentlich eine ganze Woche im Algonquin Provincial Park verbringen. In Saint John hatte ich es mir so schön vorgestellt: Eine Woche lang Natur pur, Wanderungen, Kajaktouren, schwimmen gehen, geführte nature hikes mit knackigen jungen Rangern in Uniform. Ich hätte es besser wissen sollen. Auch hier fängt die Touristensaison erst Ende Juni an. D.h., dass auch alle geführten Aktivitäten erst dann angeboten werden. Den Grund dafür kenne ich nun. Dann sind nämlich die Blackflies, die unerbittlichen, fiesen kleinen Vampire und ihre Airforce, die Mücken, zum größten Teil wieder verschwunden und man kann ungestört an jedem Stopp auf jedem Lehr- und Wanderpfad anhalten. Wir, die wir naiv genug waren, einfach vier Wochen früher vorbei zu schauen, werden an allen der Luft ausgesetzten Körperstellen angeknabbert, sobald wir stehen bleiben, um uns die Landschaft anzusehen. Eine Mücke beendet ihr Leben auf meinem Daumennagel unter meinem Schuhband, als ich meine Wanderschuhe zubinde. So sehr wir uns anstrengen, vom Park begeistert zu sein: Die Biester zehren an unseren Nerven. Dazu kommt, dass dieser Park eigentlich für diejenigen interessanter ist, die bereit sind, für mehrere Tage mit dem Kanu oder zu Fuß in der Wildnis zu verschwinden. Als wir an unserem zweiten Tag im Park morgens im Wetterbericht hören, dass es die nächsten drei Tage regnen soll, entscheiden wir schnell, dass wir genug Natur geschnuppert haben. Den obligatorischen Elch hatten wir immerhin schon gesehen. Von Baumstämmen gut getarnt und ohne sich von Touristen, Motorbooten und Kajaks aus der Ruhe bringen zu lassen, hat sich eine Elchkuh im See abgekühlt. Hätte sie ihre Ohren nicht bewegt, hätten wir sie nie entdeckt:
(Whitney, der Ort am Eingang zum Algonquin Provincial Park. Sonntagnachmittag wurde am Stromnetz gearbeitet, weshalb es im ganzen Ort kein warmes Essen gab. Und keine kalten Getränke. Und kein warmes Wasser. Und so weiter. Die nächste Pommesbude ist 60km weit weg…)
Nun waren wir also eine Woche früher als geplant in Toronto. Kurz entschlossen haben wir einfach unsere Flüge umgebucht und fliegen nun schon am 10.—das ist morgen!—ab. (So einfach war das mit dem Umbuchen allerdings nicht. Es hat uns 1 ½ Tage am Flughafen, drei Telefonate mit meinem Reisebüro in Köln und reichlich Nerven gekostet. Aber die Details erspare ich uns allen.)
(Yonge Street, die längste Straße Nordamerikas)
Nachdem wir in den ersten zwei Tagen in Toronto nur mit der Organisation unserer Flüge und dem Verpacken und Verschicken meiner Winterklamotten—die Koffer wären sonst zu schwer geworden—beschäftigt waren, können wir uns am dritten Tag endlich auf die Stadt konzentrieren. Und wir machen sofort das volle Programm: zunächst eine Busrundfahrt, dann eine Schiffstour, um eine bessere Sicht auf die Skyline zu haben, und schließlich—man weiß ja nie, ob die Sonne morgen noch genauso schön scheint—fahren wir auch noch auf den CN-Tower, das größte freistehende Gebäude der Welt. Die Stadtrundfahrt war sehr interessant, aber ich werde das Gefühl nicht los, Toronto hätte nur Wolkenkratzer, Shopping und ein Restaurant neben dem anderen zu bieten. Ich finde die Stadt unübersichtlich und schmutzig. Die gigantischen Wolkenkratzer beeindrucken mich natürlich, aber schön sind sie nicht. Nur beängstigend. Es gibt keinen Teil der Stadt, in dem ich das Bedürfnis habe, länger zu bleiben.
Härtetest Nr. 1 war die Fahrt auf den Tower. In 342m Höhe kann man sich auf einen Glasfußboden stellen. Oder eben nicht. Ich hatte mir soooo fest vorgenommen, all meinen Mut zusammen zu nehmen. Stattdessen habe ich zugesehen, wie 4-Jährige auf dem Glas den victory dance neu erfinden. (Aber ganz ehrlich und selbstverständlich absolut neidlos: Bei denen sieht es auch mehr nach Mutprobe als nach „Spaß an der Freud’“ aus…)
(Der CN-Tower von unten…)
(…und die Straße von oben.)
Härtetest Nr. 2 war der Spaziergang, den wir heute von unserem Stammitaliener zum St. Lawrence Market auf der anderen Seite der Innenstadt gemacht haben. Es hätte so schön sein können! Was wir nicht wussten: In der Gegend um den Markt ist heute ein gigantisches Hundefestival, „Woofstock“. Im Ernst. Die Straßen waren gesperrt und zum Bersten voll mit strahlenden Hundebesitzern und ständig musste man aufpassen, dass man keinen Chihuahua platt tritt.
Bei einem dekadenten Abschiedsessen bei einem schnieken Italiener haben wir uns mit Toronto versöhnt. Nun bleibt nur, auszutrinken, den Plüscheisbär für meine Nichte in den Koffer zu packen und die abgegriffenen Stadtpläne zu entsorgen. Das Taxi kommt um 11.30Uhr. Beck Taxi. Das sind die türkisen Autos mit den orangen Kotflügeln. Morgen um diese Zeit sitze ich schon im Flugzeug nach Frankfurt. Ob ich dann endlich verstehen werde, dass ich Kanada für sehr sehr lange Zeit verlasse?
Trotz aller Wehmut: Ich freue mich auf Euch alle! Vielen Dank für’s Lesen. Nun bin ich gespannt, was Ihr zu erzählen habt!































