An meinem letzten Abend in Kanada trinke ich mein letztes Glas kanadischen Whisky und grübele, wie ich die letzten zehn Tage so schmerzfrei wie möglich zusammen fassen kann. Schmerzfrei nicht, weil die Zeit so schlimm war, sondern weil es mir schwer fällt, meine Gedanken hier in Kanada zu halten und sie nicht immer wieder Richtung Köln driften zu lassen. Es ist wahr: Ich freue mich sehr auf zu Hause! Die neun Monate in Kanada waren in vielerlei Hinsicht wichtig für mich. Die Reise war großartig! Aber nun ist es Zeit, nach Hause zu kommen. Während ich mich von John Coltrane berieseln lasse und darauf warte, dass die Zeit bis morgen Mittag, wenn das Taxi kommt, vergeht, erzähle ich Euch, wie es dazu gekommen ist, dass wir nun doch schon eine Woche früher nach Hause fliegen und was bis zu der Entscheidung passiert ist.

Von Ottawa aus sind wir nach Gananoque gefahren, um uns von da aus die Thousand Islands im St. Lawrence River anzusehen. Auf einer drei Stunden langen „cruise“ habe ich mir nicht nur einen gewaltigen Sonnenbrand geholt, sondern auch unterhaltsame Geschichten über Flusspiraten und Whiskyschmuggler angehört. Es ist schon faszinierend, dass es tatsächlich Menschen gibt, die auf einer dieser winzigen Inseln ihr zu Hause haben. Wenigstens gibt es da keinen Streit mit dem Nachbarn über die Grundstücksgrenzen. Übrigens sind es genau 1.865 Inseln. Eine davon ist künstlich. Damit so ein Stückchen Erde als Insel anerkannt wird, müssen mindestens zwei Bäume drauf stehen. Und ja, die Salatsauce wurde tatsächlich nach diesem Gebiet benannt. Warum, weiß ich allerdings nicht.

In Gananoque hat es uns beiden gut gefallen. Ein ruhiger Ort, der außer der schönen Sicht auf den Fluss nicht viel zu bieten hat. Aber für zwei Tage ist das ein schöner Kontrast zu den Großstädten und Parks. Zum Entspannen sind wir an unserem zweiten Abend im Ort ins historische und komfortable Gananoque Inn gezogen.

Vor dem ersten Frühstück, am Tag vorher, hatte ich ein interessantes Gespräch mit George, unserem Vermieter, in dem er mir einiges über seinen Beruf und sein Leben erzählt hat. Er sagt, die meisten Bed and Breakfast-Besitzer werfen innerhalb der ersten fünf Jahre das Handtuch. Wer nicht aufgibt, stumpft ab: „Du fährst morgen ab, dann werde ich Dich nicht wieder sehen. Dafür kommen andere Gäste. So ist das eben.“ Im Winter, sagt er, ist es nicht so wild, aber Ende Oktober steht man morgens auf und motiviert sich, indem man berechnet, wie viel man in der vergangenen Nacht verdient hat. Beim Frühstück diskutiert er mit einem Stammgast über die richtige Art, Bacon in der Mikrowelle zuzubereiten: „Eine Minute pro Scheibe, dann musst Du mal nachgucken.—In manchen Packungen ist mehr Feuchtigkeit, als in anderen. Die brauchen länger.“ Dass dieser Mann im Harley-Davidson T-Shirt und Adler im Ohrloch mit solch einer Expertise über so profane Dinge spricht, ist auf nüchternen Magen morgens um halb neun mehr als bizarr.

Mit George verabschieden wir uns auch von dieser Art der Unterkunft. Auf den letzten Etappen wohnen wir in Motels. Unpersönlich, aber auch Anonymität hat ihren Reiz.

Nach den Thousand Islands wollten wir eigentlich eine ganze Woche im Algonquin Provincial Park verbringen. In Saint John hatte ich es mir so schön vorgestellt: Eine Woche lang Natur pur, Wanderungen, Kajaktouren, schwimmen gehen, geführte nature hikes mit knackigen jungen Rangern in Uniform. Ich hätte es besser wissen sollen. Auch hier fängt die Touristensaison erst Ende Juni an. D.h., dass auch alle geführten Aktivitäten erst dann angeboten werden. Den Grund dafür kenne ich nun. Dann sind nämlich die Blackflies, die unerbittlichen, fiesen kleinen Vampire und ihre Airforce, die Mücken, zum größten Teil wieder verschwunden und man kann ungestört an jedem Stopp auf jedem Lehr- und Wanderpfad anhalten. Wir, die wir naiv genug waren, einfach vier Wochen früher vorbei zu schauen, werden an allen der Luft ausgesetzten Körperstellen angeknabbert, sobald wir stehen bleiben, um uns die Landschaft anzusehen. Eine Mücke beendet ihr Leben auf meinem Daumennagel unter meinem Schuhband, als ich meine Wanderschuhe zubinde. So sehr wir uns anstrengen, vom Park begeistert zu sein: Die Biester zehren an unseren Nerven. Dazu kommt, dass dieser Park eigentlich für diejenigen interessanter ist, die bereit sind, für mehrere Tage mit dem Kanu oder zu Fuß in der Wildnis zu verschwinden. Als wir an unserem zweiten Tag im Park morgens im Wetterbericht hören, dass es die nächsten drei Tage regnen soll, entscheiden wir schnell, dass wir genug Natur geschnuppert haben. Den obligatorischen Elch hatten wir immerhin schon gesehen. Von Baumstämmen gut getarnt und ohne sich von Touristen, Motorbooten und Kajaks aus der Ruhe bringen zu lassen, hat sich eine Elchkuh im See abgekühlt. Hätte sie ihre Ohren nicht bewegt, hätten wir sie nie entdeckt:

 

(Whitney, der Ort am Eingang zum Algonquin Provincial Park. Sonntagnachmittag wurde am Stromnetz gearbeitet, weshalb es im ganzen Ort kein warmes Essen gab. Und keine kalten Getränke. Und kein warmes Wasser. Und so weiter. Die nächste Pommesbude ist 60km weit weg…)

Nun waren wir also eine Woche früher als geplant in Toronto. Kurz entschlossen haben wir einfach unsere Flüge umgebucht und fliegen nun schon am 10.—das ist morgen!—ab. (So einfach war das mit dem Umbuchen allerdings nicht. Es hat uns 1 ½ Tage am Flughafen, drei Telefonate mit meinem Reisebüro in Köln und reichlich Nerven gekostet. Aber die Details erspare ich uns allen.)

(Yonge Street, die längste Straße Nordamerikas)

Nachdem wir in den ersten zwei Tagen in Toronto nur mit der Organisation unserer Flüge und dem Verpacken und Verschicken meiner Winterklamotten—die Koffer wären sonst zu schwer geworden—beschäftigt waren, können wir uns am dritten Tag endlich auf die Stadt konzentrieren. Und wir machen sofort das volle Programm: zunächst eine Busrundfahrt, dann eine Schiffstour, um eine bessere Sicht auf die Skyline zu haben, und schließlich—man weiß ja nie, ob die Sonne morgen noch genauso schön scheint—fahren wir auch noch auf den CN-Tower, das größte freistehende Gebäude der Welt. Die Stadtrundfahrt war sehr interessant, aber ich werde das Gefühl nicht los, Toronto hätte nur Wolkenkratzer, Shopping und ein Restaurant neben dem anderen zu bieten. Ich finde die Stadt unübersichtlich und schmutzig. Die gigantischen Wolkenkratzer beeindrucken mich natürlich, aber schön sind sie nicht. Nur beängstigend. Es gibt keinen Teil der Stadt, in dem ich das Bedürfnis habe, länger zu bleiben.

Härtetest Nr. 1 war die Fahrt auf den Tower. In 342m Höhe kann man sich auf einen Glasfußboden stellen. Oder eben nicht. Ich hatte mir soooo fest vorgenommen, all meinen Mut zusammen zu nehmen. Stattdessen habe ich zugesehen, wie 4-Jährige auf dem Glas den victory dance neu erfinden. (Aber ganz ehrlich und selbstverständlich absolut neidlos: Bei denen sieht es auch mehr nach Mutprobe als nach „Spaß an der Freud’“ aus…)

(Der CN-Tower von unten…)

(…und die Straße von oben.)

Härtetest Nr. 2 war der Spaziergang, den wir heute von unserem Stammitaliener zum St. Lawrence Market auf der anderen Seite der Innenstadt gemacht haben. Es hätte so schön sein können! Was wir nicht wussten: In der Gegend um den Markt ist heute ein gigantisches Hundefestival, „Woofstock“. Im Ernst. Die Straßen waren gesperrt und zum Bersten voll mit strahlenden Hundebesitzern und ständig musste man aufpassen, dass man keinen Chihuahua platt tritt.

Bei einem dekadenten Abschiedsessen bei einem schnieken Italiener haben wir uns mit Toronto versöhnt. Nun bleibt nur, auszutrinken, den Plüscheisbär für meine Nichte in den Koffer zu packen und die abgegriffenen Stadtpläne zu entsorgen. Das Taxi kommt um 11.30Uhr. Beck Taxi. Das sind die türkisen Autos mit den orangen Kotflügeln. Morgen um diese Zeit sitze ich schon im Flugzeug nach Frankfurt. Ob ich dann endlich verstehen werde, dass ich Kanada für sehr sehr lange Zeit verlasse?

Trotz aller Wehmut: Ich freue mich auf Euch alle! Vielen Dank für’s Lesen. Nun bin ich gespannt, was Ihr zu erzählen habt!

 

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(Museum of Civilization)

Nach zwei Dritteln unserer Reise haben wir endlich die kanadische Hauptstadt erreicht. Hier scheiden sich die Geister. Die von meinem Vater und mir, meine ich. Ohne Zweifel und vorneweg: Ottawa ist eine schöne Stadt! Mein Vater meint, sie sei schöner als Québec City und Montréal. Mir ist sie etwas zu ordentlich. Sie bietet schöne Architektur—von der ich bisher leider nichts verstehe—und viele Grünflächen und hat daher sicher ihren Reiz. Trotzdem geht mir das Wort „sample“ nicht aus dem Sinn, wenn ich durch die Straßen schlendere: Hier präsentiert sich die Hauptstadt. Ihrem Land präsentiert sie sich als Vorbild, Besuchern präsentiert sie sich als ideale kanadische Stadt. Ich habe das Gefühl, Ottawa dient dem Vorzeigen, nicht dem Leben.

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(Parlamentsgebäude und Ottawa River)

 

In dieses Schema passt, dass es für eine verhältnismäßig kleine Stadt von 1,2 Mio. Einwohnern relativ viele Museen gibt. Als Besucher weiß man kaum, wo man anfangen soll. Wir haben uns auf die Nationalgalerie und das „Museum of Civilization“ beschränkt. In jedem haben wir einen Tag verbracht, obwohl man ohne Weiteres zwei hätte bleiben können.

 

In der Nationalgalerie hat mich natürlich besonders die kanadische Kunst interessiert. Ich interessiere mich noch nicht lange für Kunst. Man möge mir deshalb meine Ignoranz verzeihen oder mich, was mir lieber wäre, eines Besseren belehren. Jedenfalls finde ich es auffällig, wie sehr sich die frühen kanadischen Maler an der europäischen Kunst orientieren. Nicht anders übrigens, als die Schriftsteller. Interessant wird es für mich erst, als die Kanadier eigene Wege gehen. In der Malerei geschieht das erst mit Tom Thomson und der Gründung der „Group of Seven“, 1920. Die Gruppe versucht, die Eigenheit der kanadischen Wildnis—„the spirit of our native land“ (J.E.H. MacDonald)—auf ihre eigene, kanadische Weise einzufangen. Ein gelungener Versuch!

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(Nationalgalerie)

 

Das Museum of Civilization ist laut Infobroschüre Kanadas größtes und meistbesuchtes Museum. Die gesamte untere Etage ist den First Nations, Kanadas Indianern, Inuit und Métis, gewidmet. Ich interessiere mich besonders für ihre Kunst und die Schöpfungsmythen und Legenden der verschiedenen Stämme. Einige davon sind mir in kanadischen Romanen schon begegnet. Mein Vater kann mir dagegen hinterher genau erklären, zu welcher Zeit die Indianerstämme welche Maissorten angebaut haben. Noch informativer und unterhaltsamer als die First Nations-Ausstellung ist aber die Ausstellung zur kanadischen Geschichte auf der obersten Etage. Auf einem Pfad folgt man hier der Entdeckung und Besiedelung des Landes von Ost nach West und durch die Jahrhunderte. Die Darstellung ist so plastisch, dass man tatsächlich das Gefühl hat, man schaut bei der Herstellung von Walöl zu, sitzt in einer Holzfällerhütte oder in einer der ersten Kneipen Kanadas. Warum kann Geschichte nicht immer so anschaulich sein? Andererseits: Ein bisschen mehr Fakten, mehr Text, hätte es schon sein dürfen. So hatten wir eben kanadische Geschichte im Schnelldurchlauf.

 

Heute, an unserem vierten und letzten Tag in Ottawa, haben wir endlich die seit Québec City geplante und längst überfällige Stadtrundfahrt gemacht. Es hat sich gelohnt! Unser Trolley-Bus ist in Ecken gefahren, die wir sonst nie gesehen hätten. So waren wir z.B. beim Wohnsitz des Governor General, des Vertreters der Königin in Kanada, bei dem es Sitte geworden ist, dass jeder diplomatische Besucher einen Baum mitbringt, der in seinem Land heimisch ist. Dementsprechend sieht der gewaltige Garten aus. Wir haben dieselbe Aussicht genossen, die Stephen Harper, der derzeitige Premier, jeden Tag bei der Morgenzeitung hat. Und wir haben gelernt, was das gute Verhältnis Kanadas zu den Niederlanden mit der Tatsache zu tun hat, dass in Ottawa jedes Jahr eins der größten Tulpenfestivals der Welt stattfindet: 1943 (lt. Stadtführer kurz, nachdem der Krieg angefangen hat) ist die königliche Familie der Niederlande vor den deutschen Besatzern nach Kanada geflohen. Die Prinzessin war gerade mit ihrem dritten Kind schwanger. Unglücklicherweise haben Thronfolger in Holland nur ein Anrecht auf die Krone, wenn sie auf niederländischem Boden geboren wurden. Höflich, wie die Kanadier sind, haben sie also im entscheidenden Moment einen Flügel des Krankenhauses zu niederländischem Hoheitsgebiet erklärt. Aus Dankbarkeit schicken die Holländer seitdem jedes Jahr 200.000 Tulpenzwiebeln nach Ottawa.

 

Ebenfalls wissenswert (besonders für alle Daheimgebliebenen, denen zu Kanada nur Eishockey, Schnee und Berge einfallen): Aus Ottawa kommen Erfindungen wie der Reißverschluss, Klettverschluss und—wer hätte das gedacht!—der Push-Up-BH. Das erste Superman-Heft ist in der Bibliothek ausgestellt, weil es von einem Kanadier geschrieben wurde. Und noch ein letztes Detail, das mir aus gegebenem Anlass besonders am Herzen liegt: Als 1916 das Parlamentsgebäude abgebrannt ist, ist nur die Bibliothek verschont geblieben. Welch ein gewaltiger und, ach!, so ironischer Wink des Schicksals!

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(Millowitsch war auch schon hier!)

 

Morgen verlassen wir also diese saubere Stadt. Kaum zu glauben, dass wir nur noch drei Etappen vor uns haben! Wir schreiben Mittwoch, den 30. Mai 2007, es ist 23:04 Uhr und ich bin glücklich, sagen zu können, dass der Donner draußen verkündet, dass es morgen nicht so drückend schwül sein wird, wie heute!

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Nach dem Großstadtrummel haben wir uns auf ein bisschen Natur gefreut. Unser Quartier ist diesmal das „La Marie Champagne“, ein Bed & Breakfast, das im wirklichen Leben das zu Hause von einem ganz reizenden älteren Ehepaar ist. Schon bei der Reservierung am Telefon versichert mir die Frau: „Ich warte auf Euch!“ Wieder treffen wir auf Menschen, die ihr zu Hause vorbehaltlos Fremden öffnen (gegen Geld natürlich. Trotzdem: wärt Ihr dazu bereit?). Und wieder gelingt es ihnen, dass ich mich sofort wie zu Hause fühle. Am letzten Morgen werde ich wie eine gute Freundin verabschiedet: mit zwei Küsschen links, zwei Küsschen rechts.—Wer weiß schon, welcher Brauch nun der passende ist, mit vier geht man auf Nummer sicher. Bartpieksen ist im Preis inbegriffen und in diesem Moment mehr als willkommen! Auch mit dem Essen haben sich die zwei Mühe gegeben: Am ersten Morgen bekommen wir eine warme Grapefruit mit Honig, Rührei und einen warmen Salat aus Apfel- und Schinkenwürfeln in Ahornsirup. Zwei Tage später, als der Hochsommer die Laurentinischen Berge erreicht hat, bringt uns der Hausherr ein Glas Sekt mit Holundersirup und einer Brombeere zur Abkühlung. Ja, wir haben es nicht bereut, dass wir uns statt für bekannte Motelketten für kleine B&Bs entschieden haben. Die Zimmer kosten etwa das gleiche oder weniger als die im Motel. Dafür bekommt man jeden Morgen ein großzügiges Frühstück und, Ihr ahnt schon, was jetzt kommt, ich habe noch nie so viele gastfreundliche Menschen getroffen! Ein wahrer Gewinn! Einziger Wehmutstropfen: Hier holen uns schließlich doch Kanadas berüchtigte Blackflies ein, Fliegen, etwa halb so groß wie unsere Stubenfliege, die fies beißen und die in solchen Horden angreifen, dass man das Gefühl hat, bei lebendigem Leibe gefressen zu werden. Off!-sei-Dank kommen wir mit einem blauen Auge davon. Da ist mir auch egal, dass sich meine Haut gegen die vereinten Kräfte von Insektenspray und Sonnencreme heftig wehrt.

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Wollte ich nicht eigentlich vom Park erzählen? Naja, ganz genau betrachtet, ist das Prinzip das gleiche wie im Parc National de la Mauricie, in dem wir vorher waren: die Laurentian Mountains—oder was man hier Berge nennt: der Mont-Tremblant ist noch nicht mal 1000m hoch—und viele Seen. Wasser gibt es hier wirklich mehr als genug. Mein Vater hält an jedem Ufer begeistert an, um Fotos zu machen. Ich erinnere ihn dann jedes Mal nüchtern daran, dass er schon ungefähr 200 Fotos hat, die genau so aussehen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es hier etwas gibt, was wir—zumindest im Rheinland—nicht mehr haben: Natur. Ich stehle die Idee einer freundlichen Stimme, die mir in der Nationalgalerie in Ottawa mit Hilfe eines Audioguide interessante Dinge über kanadische Kunst ins Ohr geflüstert hat. Diese Frau hat gesagt, dass es in Europa zwar jede Menge Landschaft, aber keine Natur gibt. Und da hat sie Recht. Jeder, der diese unzähligen Hügel und unendlichen Wälder gesehen hat, jeder, der die Infohefte über das Verhalten bei einer Elch- oder Bärenbegegnung gelesen hat, erkennt den Unterschied. Bei uns gibt es für wahre, uneingeschränkte Natur einfach keinen Platz mehr. Trotzdem glaube ich, dass ich meiner Familie etwas Gutes tue, wenn ich meinen Vater erinnere, dass er schon zahllose ähnliche Bilder gemacht hat.

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(Endlich habe ich eine Chance zum Paddeln!)

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(Bloß hatte ich vergessen, wie anstrengend das ist!)

Über unsere Unterkunft mit der familiären Atmosphäre habe ich ja schon berichtet. Die Geschichte mit dem Sohn der Wirtin hat noch einen zweiten Teil, aber den erspare ich Euch. Stattdessen bin ich froh, Euch sagen zu können, dass mein Vater mit sicherer Hand einen Mann für mich gefunden hat. Ich wusste schon immer, dass man diese Sachen besser den Eltern überlässt. Beweisstück folgt weiter unten.

Über die Stadt finde ich nur zwei Worte: einfach großartig! Schon am ersten Abend fahren wir mit der Métro in die Innenstadt, um die Strecke zu testen und um einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Schon auf der Rolltreppe zur Métro-Station stellt sich ein echtes Großstadtgefühl ein. Nach den vielen Dörfern, die wir in den letzten zwei Wochen gesehen haben, empfinde ich die Stadt als eine ganz andere Welt. Plötzlich empfinde ich Dörfler und Städter als zwei unterschiedliche, von einander getrennte und nicht vereinbare Spezies. (Das ist natürlich Humbug, aber die Welten, die ich in den letzten Wochen gesehen habe, stehen wirklich in krassem Gegensatz zueinander.) Obwohl ich mich im Moment in beiden Lebensräumen wie ein Zoobesucher fühle, bin ich eindeutig in der Stadt mehr zu Hause. Immer dachte ich, ich wäre ein Dorfkind. Dass die vier Jahre Studium in Köln das geändert haben, wird mir erst jetzt und hier klar.

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Was mir an Montréal gefällt ist, dass die Stadt es irgendwie geschafft zu haben scheint, in einem gesunden Gleichgewicht zu existieren. Einem Gleichgewicht zwischen nüchternem Wirtschaftszentrum auf der einen Seite und sozialem Treffpunkt mit Kultur und Stil auf der anderen. Québec City wird zu Recht die europäischste Stadt Nordamerikas genannt. Auch wenn ich noch nicht viele amerikanische Städte gesehen habe, ist es schwer vorstellbar, dass eine Stadt noch europäischer sein kann. Aber ich habe das auch stellenweise als unwirklich empfunden; ein bisschen wie Epcot Center in Disney World, für diejenigen von Euch, denen das etwas sagt. Mit anderen Worten: Es wirkt schon fast etwas künstlich. Dass sich in der Altstadt ein Souvenirladen an den anderen reiht, unterstreicht diesen Effekt. Auch in Montréal—wie ja auch in Köln—gibt es Souvenirläden in der Altstadt. Aber man merkt, dass es wirklich nur noch französische Einflüsse sind, die sich in der Architektur und dem Essen zeigen; es ist nicht der Versuch, eine französische Insel auf dem amerikanischen Kontinent zu erhalten.

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Zwei Erlebnisse aus Montréal werden mir ganz besonders in Erinnerung bleiben. Das erste ist der Besuch des Cirque du Soleil, der gerade in der Stadt seine neue Show, Kooza, eröffnet. Ich bin—leider—nicht mehr leicht zu beeindrucken, aber in diesen 2 ½ Stunden mache ich die unterschiedlichsten Emotionen durch: Lachen, Tränen der Rührung, Spannung, Schrecken, Ungeduld. Die eigentliche Vorstellung ist näher an der traditionellen Zirkusvorstellung geblieben, als beim Cirque du Soleil üblich. Aber durch die geschickten Übergänge wird alles zu einer großen Show, in der der Zuschauer gar nicht merkt, dass er schon mitten in der nächsten Nummer ist. Es gibt niemanden, der die einzelnen Nummern vorstellt. Stattdessen wird die Geschichte eines Unschuldigen erzählt, der mit Hilfe einer Tricksterfigur lernt, was es bedeutet, in die Handlungen anderer einzugreifen. Und während man noch dem staunenden kleinen Mann auf der Bühne zusieht, laufen plötzlich vier Männer über ein Hochseil, das vor fünf Minuten noch nicht da war. Auffällig ist (besonders nachdem ich im letzten Semester darauf aufmerksam gemacht wurde, wie der weibliche Körper im Film dargestellt wird), wie sehr dieser Zirkus den männlichen Körper präsentiert und in den Mittelpunkt stellt. Wo früher der „starke Mann“ in den Zirkusvorstellungen einfach als solcher aufgetreten ist—als geballte Kraft—wird Kraft hier viel subtiler, aber umso beeindruckender und ästhetischer dargestellt. Ein Beispiel: Ein Mann stapelt nach und nach neun Stühle übereinander und macht, als er ganz oben ist, einen Handstand auf einer Hand. Um dort oben die Balance zu halten—sonst wirft er den wackeligen Stühleturm um—darf er keinen Moment die Konzentration oder Körperspannung verlieren. Er trägt nichts als einen Tanga. Egal, welcher Muskel sich bewegt: Das Publikum kann es sehen. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich auch bei Frauen so viel Haut gesehen habe. Mir fällt nichts ein. Mich beeindruckt, dass die Künstler ausnahmslos schöne Menschen mit absoluter Körperbeherrschung sind. Selbst der Trickster, der sonst keinen großen Soloauftritt hat, schlägt Räder aus dem Stand, ohne die Hände dabei aufzusetzen. Kaum vorzustellen, wie viel Kraft sich unter dem originellen Anzug versteckt! Für mich ist klar: An diesem Abend wird die Kontrolle über den eigenen Körper gefeiert. Und ich genieße jede Sekunde!

Fotos darf man während der Vorstellung natürlich nicht machen, aber ein Andenken gibt es doch:

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Nach der Vorstellung gehen wir zu Nickels zum Abendessen. Auf der Damentoilette hat jemand ein Gedicht von Robert Frost geschrieben: „Some say the world will end in fire, / some say in ice“ usw. Es gab Zeiten, da war auch ich von seiner Didaktik beeindruckt. Heute sehe ich sie als genau das. Aber als ich das Gedicht an diesem ungewöhnlich gewöhnlichen Ort lese, freue ich mich doch.

Das zweite Event, das mich nachdenklich gemacht hat, war der Besuch einer temporären Ausstellung über Disney. Genauer gesagt über die Quellen aus Literatur, Kunst und Film, die er in seinen Filmen benutzt hat. Ich wollte diese Ausstellung sehen, weil wir im American Film Kurs im vergangenen Semester so viele schlimme Dinge über den „Lion King“ gesagt haben. Natürlich war mir klar, dass ich in der Ausstellung nichts über versteckten Rassismus und die Rolle der Frau finden würde. Aber ich wollte trotzdem wissen, wie sich die Disney Studios denn nun der Welt präsentiert wissen möchten.

Die Ausstellung stellt sehr anschaulich die Vorlagen und Disneys Filme nebeneinander und zeigt so, wie die Macher von der europäischen und asiatischen Kunst beeinflusst worden sind. Besonders anschaulich ist ein exhibit, in dem Fernsehcartoons parallel neben deutschen surrealistischen und expressionistischen Filmen der 20er Jahre gezeigt werden. Die Disney-Cartoons sind beinahe eine Kopie der schwarz-weißen Originale. Nachdem ich das alles gesehen habe frage ich mich tatsächlich, worin eigentlich Disneys eigene Leistung bestand. Mal davon abgesehen, dass er das Potential neuer Technologien und Kunst aus dem vorhergehenden Jahrhundert für den Massenkonsum entdeckt hat. Um es zu polemisieren: Wenn ich in einer Hausarbeit das Werk eines anderen, in welcher Form auch immer, benutze, ohne das kenntlich zu machen, setze ich mein Studium und möglicherweise—„ist der Ruf erst ruiniert“—auch meine weitere Karriere auf’s Spiel. Wenn Dan Brown auf der Grundlage eines wissenschaftlichen Buches einen Roman schreibt, kommt er dafür vor Gericht. Aber wenn Walt Disney aus Werken der Malerei, aus alten Filmen und aus beliebter Kinderliteratur seine Filme zusammenbaut, ist er ein Genie. (Das Wort genial wird tatsächlich in der Ausstellung verwendet.) Vielleicht sehe ich das ein bisschen zu extrem, stelle mich da aber gerne der Diskussion. Davon abgesehen leugne ich auch gar nicht, dass die Filme aus den Disney Studios nach wie vor gutes Entertainment sind. Meine eigene Disney-Sammlung wächst ständig. Man sollte sich eben nur über das eine oder andere „Aber“ im Klaren sein.

Positiver Nebeneffekt der Ausstellung war ohne Frage, dass ich mit neuen Zweigen der Kunst in Berührung gekommen bin. Die expressionistischen Filme interessieren mich sehr! Persönliches Highlight war der Film „Destino“, der aus einer Zusammenarbeit zwischen Walt Disney und Salvador Dalí entstanden ist.

Unser Aufenthalt in Montréal ist noch nicht ganz zu Ende. Heute bleiben wir noch hier. In den kommenden Tagen schauen wir uns ein bisschen in der Umgebung der Stadt um. Dann gönnen wir uns einen Nationalpark zur Entspannung, und danach geht es schon nach Ottawa. Dass eine der anderen Städte in der Lage ist, Montréal an Charme zu überbieten, bezweifle ich allerdings.

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Nachdem wir Québec City vor zwei Tagen verlassen haben, waren wir gestern (Dienstag, 15. Mai) im La Mauricie National Park. Ein Paddlerparadies! Ein See grenzt an den nächsten. Leider ist das Wetter im Moment unvorhersehbar, weshalb wir weder das Wasser noch die vielen Wanderwege nutzen konnten. Es ist ständig bewölkt und regnet. Heute sollte es eigentlich in den nächsten Park gehen, aber das Wetter ist einfach zu schlecht. Angeblich soll es heute Nacht sogar Schnee geben. Also haben wir uns spontan entschieden, nach Montréal zu fahren. Das wäre eigentlich erst der übernächste Punkt gewesen. Hier haben wir uns für sechs Nächte in einem “Familienhotel” eingemietet. “Familienhotel” sage ich, weil 1. angeblich eine Familie im Nachbarzimmer wohnt, von der wir aber noch nichts gesehen haben, 2. das Spezialgebiet des Hotels family reunions sind und mir 3. die Inhaberin beim Einchecken erklärt hat, dass sie sich ihre Gäste persönlich aussucht und sie deshalb alle wie eine große Familie sind. Und ich glaube, sie meint das auch so. Als ich nach unserem ersten Stadtbummel kurz ins Zimmer wollte, um etwas zu holen, hat sie mir zwischen Tür und Angel erzählt, dass ihr Sohn gleich kommt. “Der ist 25.” Alles klar.

Die gute Nachricht: Wir haben hier Internetzugang! Ich werde also in den nächsten Tagen nach und nach alle E-Mails beantworten, die in den letzten zwei Wochen eingegangen sind. Versprochen!

Die Zimmersuche in Québec gestaltet sich als Abenteuer. Mein Vater hatte vorgeschlagen, auf der Autobahn an der Stadt vorbei und dann zwei Ausfahrten später abzufahren. Leider gab’s da keine Hotels. An der Tankstelle frage ich nach „nicht allzu teuren Motels“. Wie naiv von mir. Als wir der Beschreibung der zwei Mädels von der Tankstelle folgen, landen wir im Rotlichtviertel. Es gibt „nude bars“ und die Motels werben mit „free adult movies“. Und die Moral von der Geschicht’: Wer nach billigen Motels fragt, bekommt auch welche. Noch eine Autobahnausfahrt weiter finden wir den Campingplatz Juneau und buchen, ganz taumelig vor Glück, nicht im Auto oder im Puff schlafen zu müssen, ein „Chalet“ für 4 (!) Nächte. Unser Chalet Nr. 4 besteht aus zwei Schlafzimmern, einer Küche mit Wohn-/Esszimmer und einem Bad.

Am nächsten Morgen taumele ich schon weniger vor Freude als vor Schreck. Als ich das Frühstück vorbereite, finde ich Mäusedreck im Toaster und Ameisen in der Küche. Amerikanische Ameisen. Das Größenverhältnis zwischen der amerikanischen und europäischen Ameise ist etwa das der entsprechenden Autos zueinander. Wir haben also Ameisenamischlitten in der Küche. Mein Vater stellt sich jeden Abend tapfer dem Kampf. Ich gebe am 2. Tag auf: Sie sind schlicht und einfach in der Übermacht und ich habe keine Ahnung, wo sie herkommen. Aber sie mögen unseren Kaffee.

Nachdem das Frühstück fertig ist, gehe ich duschen. Und stoße mir die Wange (!) am Duschkopf. Im Wohnzimmer sind Spinnennetze an der Decke, die mit Sicherheit nicht erst seit dem Winter da sind. Mein Vater weist mich darauf hin, dass ich hier in der Wildnis bin. Schon. Gibt’s in der Wildnis keine Staubtücher?

Nach unserer ersten Busfahrt in die Stadt laufen wir erstmal in die falsche Richtung, weil der Stadtplan im Reiseführer einfach zu klein ist. Mein Standardsatz ist: „Entschuldigen Sie bitte, wo sind wir?“ Erschreckend, wie wenig Leute uns im Laufe des Tages eine präzise Antwort geben konnten! Als wir endlich da sind, wo wir hin wollten, stellt sich heraus, dass es die Touristeninformation, die auf dem Stadtplan meines Reiseführers verzeichnet ist, schon seit Jahren nicht mehr gibt. Ich habe die Ausgabe von 2005.

In der richtigen Touristeninfo werde ich, ohne dass ich danach fragen muss, mit Infos über die ganze Region versorgt. Interessanterweise bekomme ich ausgezeichnetes Material über Montreal, während das Angebot über Quebec eher mäßig ist. Nachdem ich so überwältigt von der vielen unerwarteten Information bin, gehen wir erstmal Mittag essen.

In einem der vielen gemütlichen Straßencafés bekommen wir ein ausgezeichnetes 3-Gänge-Menü für nur 12 kanadische Dollar. Hier, in dem Restaurant, der Straße, der Stadt finde ich endlich, wonach es mich in Saint John so lange gehungert hat: Lebenskultur!

Bis hier hin ist der Tag kaum noch zu steigern. Es war also zu erwarten, dass es früher oder später bergab gehen würde. Der Versuch, die vom Touristenbüro vorgeschlagene Tour durch die Altstadt zu machen, scheitert. Wir brauchen zu lange, um die Orte zu finden, dann sind sie geschlossen, und schließlich sind wir einfach k.o. und es ist spät. Nun nur noch zum Bus und dann nach Hause. Nur noch! Zunächst mal schicken uns drei verschiedene Leute von Pontius nach Pilatus, bis wir die Haltestelle gefunden haben. Spätestens jetzt habe ich verstanden, dass Québec eine große Stadt ist! Im Bus fällt mir auf, dass unser Rückfahrplan anders aussieht, als der für die Hinfahrt. Die Umsteigehaltestelle ist eine andere. Ich frage den Fahrer und der sagt mir, neinnein, wir steigen an der gleichen Haltestelle um wie auf der Hinfahrt. Kurz darauf finden wir uns an der Endstation wieder, wo man uns mitteilt, dass es von hier keinen Bus nach St. Augustin, wo unser Campingplatz ist, gibt. Bzw. ja doch, aber der fährt nicht hier ab, und überhaupt ist das ein anderes Busunternehmen. „Oder Sie nehmen den Bus von hier nach Cap Rouge. Das ist nur 3km entfernt von St. Augustin.“ Aha. Und dann? Als mir eine Busfahrerin sagt, sie könnte mir nicht weiter helfen, sie wäre erst seit zwei Monaten dabei, bin ich mit meinem Latein am Ende. Am Rande der Verzweiflung treffen wir auf zwei hilfsbereite Busfahrer, die die Lösung wissen: Wir fahren einfach mit dem nächsten Bus ein paar Haltestellen zurück und steigen dort in den richtigen Bus nach St. Augustin. Es stellt sich heraus, dass es tatsächlich dieselbe Haltestelle ist, an der wir auch auf der Hinfahrt umgestiegen sind. In dieser Richtung heißt sie nur anders. Dass der Anschlussbus über eine halbe Stunde zu spät ist, ist mir nun auch schon egal.

Unter den Ameisen hat sich inzwischen rum gesprochen, dass Chalet Nr. 4 bewohnt ist. Obwohl ich gewissenhaft sämtliche Ritzen mit Küchenrolle zugestopft habe, gehen sie ein und aus. Weiß der liebe Himmel, von wo.

Die nächsten zwei Tage in der Stadt waren entspannter und daher erfolgreicher. Wir sind durch die Altstadt gepilgert, haben uns im Museum of Civilization in die Geschichte Neu-Frankreichs eingelesen und eine Führung durch das beeindruckende Chateau Frontenac gemacht, das Hotel, dessen Fassade beinahe jedes Bild der Stadt regiert. Die französischen Einflüsse sind überall in der Stadt präsent: in der Sprache, in der Musik, in der Architektur, im Essen. Und ich bin froh, verkünden zu können: Im Kaffee!

Chateau Frontenac

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Ich würde gerne noch hier bleiben, mich in ein Straßencafé setzen und die Leute beobachten, mir die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und ein Baguette nach dem anderen essen. Aber auf unserem Plan stehen noch drei andere Großstädte, ganz zu schweigen von den Nationalparks und Kleinstädten dazwischen. Eins steht fest: Es wird Zeit, dass ich Paris sehe!

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Fazit: So ganz bereit für die Großstadt waren wir nach zwei Wochen Saint John und Natur pur wohl doch noch nicht.

 

Auf Prince Edward Island hatten wir leider etwas Pech. Anders gesagt: Wir waren einfach zur falschen Zeit da. Ich war ja schon im Herbst mit Marta für einen Tag hier und wollte unbedingt zurück und mir mehr Zeit nehmen, um in alle Ecken zu kriechen und mich auf alle kulinarischen Abenteuer einzulassen. In alle Ecken gekrochen sind wir auch. Von der östlichen bis zur westlichen Spitze haben wir alles gesehen.

Ostspitze

(der östlichste Punkt)

Obwohl wir endlich etwas Sonne hatten, war es zum Aussteigen aus dem Auto aber viel zu windig und kalt. Der eigentliche „damper“ war aber, dass die Touristensaison erst eine Woche nach unserem Besuch anfängt und darum nicht nur die Museen und Parks, sondern auch 95 % der Hotels und Restaurants noch zu hatten. Es gab also keinen Lobster für meinen Vater und kein Acadian cooking für mich. Am dritten Tag beschließen wir, dass wir genug Landschaft und „closed for the season“-Schilder gesehen haben und fahren weiter nach Québec.

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Hier erwartet uns das erste richtige Abenteuer. Da ich über Québec nicht viel weiß, war mein Plan, im obligatorischen Tourist Information Centre hinter der Grenze zur Provinz zu halten und mich da mit Infos und Tipps einzudecken. Von da aus wollten wir ein Hotelzimmer für die Nacht buchen und entscheiden, welche National Parks wir uns ansehen. Was auf meiner Straßenkarte nicht zu erkennen war: An der Grenze gibt es noch nicht mal eine “richtige” Tankstelle, geschweige denn eine Touristeninfo. Was uns an der Grenze erwartet ist DAS Kleinstadtklischee schlechthin: Es gibt nur eine einzige Straße, die Tankstelle ist Teil einer Werkstatt, in der man noch nicht mal eine Flasche Wasser kaufen kann, und auf den Balkonen sitzen überall Frauen und behalten jeden meiner Schritte genauestens im Auge. Problem Nr. 1: Nun haben wir weder eine Ahnung, wo wir hinwollen, noch—mangels Straßenkarte—eine Ahnung, wie wir dahin kommen, noch einen Platz zum Schlafen. Problem Nr. 2: Alle Schilder sind auf Französisch. Zum Teil bekommen wir nicht mal eine Speisekarte auf Englisch. Hier zeigt sich, wie viel von diversen Französischkursen hängen geblieben ist. Es ist glücklicherweise genug, um eine Suppe zu bestellen. Aber ein gewisses Restrisiko bleibt immer.

Noch eine Überraschung erwartet uns in Québecs Wildnis: Die Temperaturen steigen auf gefühlte 27°C! Auch das hatte ich nicht erwartet, da wir eigentlich in nördlicher Richtung gefahren sind. Umso erstaunlicher, dass der Lac Matapédia z.T. noch zugefroren ist.

In Rimouski, erwartet uns die letzte Überraschung des Tages: Eine europäische Kleinstadt mit Straßencafés und belebten Bars, in denen abends um acht schon getanzt wird. Und das alles mitten in der Wildnis am St.-Lorenz-Strom. Bei einem kurzen Schaufensterbummel nach dem Abendessen wird mir klar, wie sehr ich Köln vermisse und wie sehr ich mich darauf freue, Samstags abends mit Euch über die Zülpicher Straße oder die Friesenstraße zu schlendern. Die Leute, denen ich von der Straße aus beim Biertrinken zusehe, sind hier zu Hause. Ich fahre morgen früh weiter.

Abends im Hotel wundere ich mich, dass der Radiowecker im Hotelzimmer falsch geht. Am nächsten Morgen geht mir auf, dass wir nun in einer neuen Zeitzone sind. Nicht zu glauben, dass ich im Urlaub um halb sieben aufgestanden bin! Das passiert mir zu Hause nicht mal an normalen Unitagen. Dafür ist unser Tag eine Stunde länger.

Den Vormittag verbringen wir im Parc National du Bic. Der ist so klein, dass man mit dem Auto schnell daran vorbei fährt. Während ich am Parkeingang auf die Toilette gehe, wird mein Vater von einem Ranger angesprochen. Der erklärt uns höflich, dass wir auch jetzt, wo die ganzen Serviceeinrichtungen noch geschlossen haben, die Parknutzungsgebühr bitte in einem Umschlag in einen Kasten am Eingang werfen. Dann gibt er uns eine Karte des Parks. Auf Englisch. „Auf Französisch ist die Karte natürlich schöner. Aber ich habe mir sagen lassen, dass die Landschaft auf Englisch genau so schön ist.“ Dann zählt er die vier deutschen Wörter auf, die er kennt: hallo, tschüss, Seehund, Möwe. Seinem Rat folgend entschließen wir uns zu einer 2-Stunden-Wanderung auf den höchsten Punkt des Parks. Die Anstrengung hat sich gelohnt: Die Aussicht auf die Umgebung und den St.-Lorenz-Strom ist atemberaubend.

Parc National du Bic

Nach dem kleinen Ausflug in die Natur sind wir gestärkt für das Abenteuer Großstadt. Aber sind wir auch gerüstet?

Dieses Zitat soll nicht etwa andeuten, dass unsere Operation “Kanadas Osten” schon im Ansatz missglückt ist. Im Gegenteil! Es zeigt, dass ich schon meine erste Lektion gelernt habe. Aber von vorne.

Seit Dienstagabend sind wir also nun auf Cape Breton Island, Nova Scotia. Unsere erste Nacht haben wir in Port Hawkesbury in einem schnuckeligen kleinen Bed and Breakfast verbracht. Unsere Unterkunft war allerdings auch das einzige, was der Ort zu bieten hat. Von da aus sind wir am Mittwoch den Ceilidh Trail an der Westküste der Insel gen Norden gefahren. Alles sehr einsam, aber da wussten wir noch nichts!

Donnerstag war, wie mein Vater sagt, der erste Tag, an dem „was los war”. Was er meint ist die wildromantische Landschaft des Cabot Trail, an dem vor…oh…sehr langer Zeit der italienische Entdecker Giovanni Caboto gelandet ist.

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Die Gegend erinnert mit den rauen Hügeln ein bisschen an die schottischen Highlands und hat deshalb viele schottische Einwanderer eingeladen, hier sesshaft zu werden. Die Musik spiegelt die gälischen Einflüsse noch deutlich wider. In den Schulen wird z.T. die gälische Sprache unterrichtet, es gibt Highland Games und Single Malt Whiskey. Bei diesem (meinem zweiten) Trip nach Cape Breton haben wir uns bis in die Nordspitze der Insel vorgewagt. Eine abenteuerliche Autofahrt über eine Schotterstraße über die Hügel, direkt an der Küste entlang. Es hat sich gelohnt! Wir wissen jetzt, was am Ende der Welt ist: ein Campingplatz.

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Heute waren wir in Baddeck und haben uns das Alexander Graham Bell Museum angesehen. Sehr beeindruckend, nicht nur, weil wir die einzigen Besucher waren. Ich vergesse immer wieder, dass Menschen, die große Dinge vollbringen, in der Regel auch beeindruckende Persönlichkeiten sind. Was ich z.B. nicht wusste ist, dass Bell „im wirklichen Leben” Gehörlose unterrichtet hat. Und dass er sich, nachdem er der Welt sein Telefon vorgeführt hatte, nicht feiern lassen konnte, weil er nach Hause musste, um seinen Schülern eine Klausur zu stellen. Die Tafeln, die er benutzt hat, um den Sprechapparat zu erklären, haben mich offen gestanden sehr an meinen Phonetik- und Phonologiekurs an der Uni erinnert. Und nun weiß ich auch endlich, dass er es war, der gesagt hat: „The operation was a success, but the patient died.”

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Auf der Rückfahrt sind wir am Ostufer des St. Andrews Channel entlang gefahren. Eine Gegend, die einsamer kaum hätte sein können. Zwischendurch haben wir immer wieder angehalten, um Fotos zu machen. Dass mein Vater es beim „Einfädeln in den Verkehr” bei einem solchen Stopp für nötig gehalten hat, zu bemerken: „Da kommt ein Auto,” sagt eigentlich schon alles. In ihrer Einfahrt haben die Leute winzige Häuschen, in denen sie offensichtlich Fisch räuchern. Zumindest hat anderes darin nicht Platz, und es kommt Rauch aus dem Schornstein. Die Sporthalle in einem Ort, durch den wir gefahren sind, besteht aus der Hälfte einer gigantischen Wellblechröhre. Das ganze Gebäude ist uralt und total herunter gekommen. Aber das Vogelhaus am Teich auf der anderen Straßenseite ist gut in Schuss. Dass Cape Breton Island das Armenhaus Kanadas ist (DuMont Reiseführer), braucht man uns nun nicht mehr zu sagen.

Tatsache ist, dass die Landschaft hier jederzeit eine Reise wert ist. Auch im Übergang zwischen Winter und Frühling—ganz ohne Grün und mit Schnee—hat mich die Küste beeindruckt. Ich würde gerne im Sommer zum Wandern und Paddeln wieder kommen! Morgen verlassen wir Cape Breton Island und fahren in Richtung Prince Edward Island, Kanadas kleinster Provinz.

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(DIE Wanderung können wir uns schon mal sparen…)

Ihr Lieben!

Uns geht’s prima, wir haben endlich Sonne und mein Vater hat sich heute erfolgreich um sein Lobster-Supper gedrueckt. Einen etwas umfangreicheren Bericht ueber unsere erste Station, Cape Breton Island, die wir schon vor zwei Tagen hinter uns gelassen haben, ist fertig und wird hochgeladen, sobald ich einen PC mit USB finde. Bis dahin:

Sonnige Gruesse!

Liebe Leser!

Der Kurs, für den ich diesen Blog eingerichtet habe, ist nun seit einigen Wochen vorbei. Obwohl ich sonst eigentlich wenig exhibitionistisch veranlagt bin, werde ich den Blog noch ein bisschen weiter führen, damit ich nicht ein ganz so schlechtes Gewissen haben muss, wenn meine E-Mails nach Hause in den nächsten Wochen spärlicher als sonst ausfallen.

Noch ein letzter Tag in Saint John, dann geht es auf „die“ Reise, auf die Suche nach dem, was Kanadier schon seit Beginn ihrer Existenz suchen: nach Kanada. Meine Koffer sind fast fertig gepackt. Morgen werden sich wohl noch einige Müllsäcke füllen. Trotz drei großer Koffer. Glücklicherweise haben wir ein relativ großes Auto gemietet, so dass wohl alles reinpassen wird. Über den Benzinverbrauch denke ich lieber nicht nach. Jedenfalls wird diese Reise sicherlich der Höhepunkt meines Kanadaaufenthalts, und ein runder Abschluss noch dazu.

Heute haben mein Vater und ich einen Spaziergang durch die Innenstadt gemacht. An den interessanten Punkten habe ich ihm aus einem kleinen Infoheft vorgelesen. Innerhalb von fünf Minuten haben sich gleich drei Leute veranlasst gefühlt, uns zu fragen, ob wir Hilfe bräuchten. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen hier ist kaum noch zu übertreffen. Nicht mal von den Kölnern. Dafür fehlt hier die Kölsche Herzlichkeit. Also doch nach Hause.

Die erste Etappe ist Cape Breton Island, wo wir hoffentlich am Dienstagabend ankommen werden. Von da gibt es den ersten Bericht.

Bis dahin!

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